Donnerstag, 1. November 2007

Eine Klingelleiste ins Mittelalter

Wenn mein Drucker-Kollege mir einst zurief: „Martin, bring mir mal ’ne Achtel auf fünf“, dann war das Berufssprache. Als ich in den 1990er Jahren Sozialarbeiter im Gefängnis war, lernte ich, was ein „Vormelder“ ist: Ein Formular, auf dem der Gefangene seine Wünsche mitteilt, beispielsweise ein Gespräch mit dem Sozialdienst anmeldet. Als ich später für Tageszeitungen als Journalist arbeitete, sprach man davon, daß Artikel „heute mitgehen“, womit man meinte, daß sie morgen in der Zeitung („im Blatt“) stünden. Und ein „Zwiti“ ist eine kleinere Überschrift im Text, ein „Zwischentitel“. So etwas kennt nicht nur jeder, der einen Beruf ausübt, aber auch andere Gruppen entwickeln eigene Sprach-Elemente. Kinder unter sich beispielsweise sind manchmal für Erwachsene ohne ständigen Kinder-Kontakt kaum zu verstehen. Und auch zwischen manchem Herr und Hund entwickelt sich eine eigene Art der Verständigung. Wie Gruppen funktionieren und wie wir unsere sozialen Rollen in unterschiedlichen Umgebungen ausfüllen, weiß man seit dem Klassiker „Homo Sociologicus“ von Ralf Dahrendorf.

Interessant wird Berufssprache, wenn sich etwas mehr als die Gepflogenheit einer Vereinfachung dahinter verbirgt. „’ne Achtel auf fünf“ heißt in der Buchdruckerei, im Bleisatzgebiet: die Reglette (eine Bleischiene, die als Zeilenabstand benutzt wird) in der Stärke eines typografischen Punktes und der Länge von 11520 Punkten. Der typografische Punkt (p) ist die kleinste Maßeinheit der Typografie. Dabei ist bis heute Punkt nicht gleich Punkt. Aber zu dieser Geschichte ein andermal mehr.

Früher wurden Schriftgrade nicht in Punkt angegeben, sondern hatten eigene Namen. Im Duodezimalsystem, das auf der 12 beruht (im Gegensatz zum Dezimalsystem mit der 10 als Bezugszahl), hatten 12p den Namen Cicero: benannt nach einer 1466 gedruckten Ausgabe mit Briefen Ciceros in dieser Schriftgröße. Solche Hintergründe machen die Sprache interessant, wenn nämlich Kultur- und Zeitgeschichte sich darin spiegeln.

Andere Schriftnamen wie etwa „Nonpareille“ (6p) erklären sich selbst: Ohnegleichen. Sie war im Spätmittelalter die kleinste und noch gut lesbare gedruckte Schrift. Warum nun der Grad „Petit“ (die Kleine, 8p) so wichtig ist, daß er für die oben genannte „Achtel“ herangezogen wurde, das weiß ich nicht. Vielleicht liest dies jemand, der helfen kann? Wenn damals der Drucker von mir etwas in der Stärke einer Achtel haben wollte, meinte er nämlich die Stärke von einem Punkt, woraus sich ja ergibt, daß Petit (8p) die Bezugsgröße für den Begriff war. Warum nur? Außer daß Petit ein Drittel von zwei Cicero ist, fällt mir dazu nichts ein. Ein Schriftsetzer hat übrigens das Kopfrechnen für einige Zahlenreihen besser drauf als für andere: mit 6, 8 und 12 wird viel gerechnet.

Und mit der „fünf“ in der Formulierung waren fünf Konkordanz gemeint. Die nächstgrößere Maßeinheit. Also: 12p = 1 Cicero, 4 Cicero = 1 Konkordanz. Das sind knapp 2 Zentimeter. Der auch aus der Literaturwissenschaft bekannte Begriff leitet sich aus der Bibeltypografie ab, wo diese schmale Satzbreite für die Konkordanz genannten Verzeichnisspalten bestimmt wurde.

Wer sich also im alten typografischen Maßsystem des Bleisatzes bewegt, hat sozusagen die Klingelleiste des Mittelalters vor Augen und kann jederzeit ein Türchen zu einem Wissensgebiet öffnen. Wenn man sich seinen Beruf so zu eigen machen kann, entwickelt man große Zuneigung. Jedenfalls mir geht es so: Ich fühle mich in einem Kontinuum, ich führe eine Sache weiter, ich bin im Bleisatzgebiet zu Hause – und entdecke darin immer wieder neue Kämmerchen.

Heute spielen diese Begriffe für zeitgemäße Gebrauchsgrafiker und Typografen keine Rolle mehr. Das ist kein Verlust. Die Möglichkeiten des Computer-Satzes sind viel feiner, als daß es Sinn ergäbe, jeder Schriftgröße einen Namen zuzuordnen. Die alten Begriffe gehören ins alte Handwerk, sie wären heute eher hinderlich als hilfreich. Und es ist zugleich nichts als sehr hübsch, ein paar Nischen zu wissen, wo die Klingelleiste ins Mittelalter noch benutzt wird.

2 Kommentare:

Bleisetzer hat gesagt…

Ja, so war und ist es wirklich mit dem Bleisatz.
In der linken Tasche meines grauen Setzerkittels hatte ich immer ein paar Achtel unterschiedlicher Schriftgrößen - man weiß ja nie... Hängt man mit beiden Ellbogen mit halbem Oberkörper im DIN A1 OHZ, dessen acht DIN A4-Seiten Tabellensatz der Kollege Drucker nicht aus der Maschine hat holen wollen, sondern nur im Druckbett die Schließzeuge öffnet, weil sonst das lange Zurichten eventuell von vorn hätte beginnen müssen - ja, dann weiß man ein paar Achtel in der linken Kitteltasche wohl zu schätzen. Warum gerade in der linken Tasche? Nun, weil die rechte Hand natürlich die Ahle führt und parallel zur Achtel-Suche genau die Stelle vorsichtig freigelegt hat, in die eben dieses 1 p Stück nun hineinsoll, weil rein rechnerisch der Tabellen-Kopf natürlich richtig gesetzt ist, aber das kleine Zeugs so aufträgt, daß die Linienanschlüsse "blitzen".

Warum nun gerade ein Achtel Petit und nicht Nonpareille, ja, das weiß ich auch nicht. Aber eines weiß ich ganz sicher: Keiner der Kollegen - und das gilt auch für mich - konnten das Wort "Nonpareille" wohl richtig aussprechen. Bei uns im Rheinland klang das wohl eher wie "Nonprell". Also da habe ich schon lieber nach einem Achtel Petit gerufen.

Das räumlich-typographische Denken allerdings - das läuft bei mir immer noch in Punkt und Cicero ab. Ich traue mir zu, eine Strecke von, sagen wir, 30 p mit einem feinen Stift auf 1 p (0,376 mm) genau aufzuzeichnen. 33 mm würden mir da schon bedeutend schwerer fallen. Aber das ist wahrscheinlich bei uns Bleisetzern wie mit dem Lesen von seitenverkehrten Satzformen, die dann auch noch kopfüber vor einem liegen - so etwas liest unsereins genau so flüssig wie die Zeitung, die er in der Hand hält.

Gott grüß die Kunst

Georg Kraus

Martin Z. Schröder, Drucker hat gesagt…

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